Robocop

ROBOCOP

SCIFI-ACTION-COPTHRILLER JOSÉ PADILHA („ELITE SQUAD – IM SUMPF DER KORRUPTION“, 2010) VERFILMT PAUL VERHOEVENS 1987er „ROBOCOP“. DER BRASILIANISCHE REGISSEUR INSZENIERT MIT DEM SCHWEDEN JOEL KINNAMAN (IN DER ROLLE DES ALEX MURPHY) EINE QUIRLIG-RASANTE UND WENIG IRONISCHE NEUAUFLAGE, ABER: „ROBOCOP“ IST ULTRACOOL, KNALLHART UND KOMPROMISSLOS. – ACTIONFANS VERSINKEN MIT DER SCHIESSWÜTIGEN BÜCHSE VON EXBULLEN IN DEM MITREISSENDEN PATRIOTISMUS, DER EXPLOSIVEN RÄCHERSTORY UND DEN STILISTISCH-IRREN WIE SPANNUNGSGELADENEN BLECHSCHÄDEN

„RoboCop”PAT_ROBOCOP_1SHEET_A4_D.inddist eine zeitgemäße Aufrüstung und kein nachgestelltes Remake des 1987er SciFi-Actioners. Wir treffen einen aufrichtigen und bald mächtig angesäuerten Cop, Alex Murphy, der nur einen Schritt von der Demaskierung der Korruptheit des Polizeiapparates entfernt ist. Joel Kinnaman ist eine interessante Mensch-Roboter-Maschine. Er ist groß, dünn – mit digitalem Visier ausgerüstet – rastet ein und aus, propagiert den Einsatz des auto-autarken Kampfläufers, bewegt sich auf beinähnlichen Pylonen fort, und: ist von Gary Oldman konstruiert bzw. manipuliert.

RoboCop: Wo die Liebe hinfällt

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ROBOCOP Alex Murphy ( Joel Kinnaman, r.) und seine Frau Clara (Abbie Cornish) schwelgen in „Darf ich bitten?“.

Das „RoboCop“-Remake ist beeindruckend anders als das Original von Paul Verhoevens 1987er Regie-Blutbad, und die SciFi rechtfertigt ihre Existenz in vollem Umfang. Das heißt aber nicht, dass sie so spannend wie Verhoevens Erstling ist. Aber der rohe Neustart übertrifft sein Studio im Geldraffen mit der Diamant-Maschine. Die Action hat allerlei große Ideen. Der ursprüngliche „RoboCop“ ist mit Andeutungen einer dystopischen Zukunft von Verbrechen heimgesucht – das große Geschäft und korrupte Politiker involvierend – und doch sind die Gewalttaten kleinformatig. Dieses Mal steht alles auf dem Spiel, und alles ist im Eimer: Die SciFi ist eine unausgesprochene Reportage über den Verwendungszweck von Ordnungshüter-Drohnen, die über die Natur und das Futur der Menschen auf der Welt richten.

Dark Knight? Nö, RoboCop

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ROBOCOP Alex Murphys (Joel Kinnaman, M.) Leben war noch aufgewärmter Kitsch, als ihn die Sprengladung per Auto in die einzigartige Presslufthammer-Maschine verwandelt.

An und für sich dürfte Präsident Donald J. Trump „RoboCop“ gern haben, weil sein Galgenstrick derselbe ist wie der des Blechmannes – der militärisch-industrielle Komplex. Das sind die Erweiterungen von jenen im Original, eine aufrührerische und voraussehbare Satire eines verstaatlichten Unternehmens, das sich seinen Weg in die Verbrechensbekämpfung und den ausrottenden Bürgerrechten einschleicht. Vor Angst niedergeknüppelt, ist das Volk nicht mehr gesellschaftsfähig angewachsen – eventuell bis zu dem Punkt – an dem sich die Gesamtheit der Population nach Faschisten sehnen könnte. Verhoeven, wie üblich, indizierte es in beide Richtungen. Der Zuseher erkennt den Verlust der Menschlichkeit, steigt aber bei dem gewalttätigen Vorhaben aus, bebilderte Gefühle oder so etwas wie Liebe zu sehen. Die Gehirnwäsche ist schmerzlos.

Unbemannte Drohnen sind das Gesetz

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ROBOCOP Pat Novak (Samuel L. Jackson) versichert Millionen, dass die mechanischen Kampfläufer die menschlichen Cops zu jeder Zeit in jeder Situation ersetzen.

Wie der neue „RoboCop“ beginnt – „OmniCorp“ testet seine Technologie in Szene eins. Zusammengeschraubt im Beinahe-Morgen von gestern: Ein Phrasen dreschendes Geschwafel knistert über den Bildschirm. Der Fahnen schwenkende Talkshow-Gastgeber Pat Novak (Samuel L. Jackson) – „Kingsman: The Secret Service“, 2014, – als Hand-am-Colt-Wichtigtuer, anmoderiert ein Live-Stream-Bildmaterial der US-Truppen in Teheran als monströse Ohne-Besatzungs-Maschinen, die Krieg erschütterten Straßen Irans hinunter rollen, um Menschen und Gebäude den Erdboden gleichzumachen.

Als das passiert, tritt eine hübsche blonde Reporterin vor Ort auf den Plan, schwärmt in die Kamera als ob „im sonnigen Teheran die Einheimischen die Sicherheit als höchste Dringlichkeitsstufe umarmen!“ Das ist eine bewusst herausfordernde zur Schau gestellte Ironie, da es im Jahr 2015 wirklich solche verrückte Amerikaner gab, und sie schienen sich alle in TV-Shows zu präsentieren. Und deshalb, bevor wir überhaupt den Nachspann durchlaufen – ist man sich im Klaren – dass „RoboCop“ als Warnung die Waffe auf die Bürger richtet, die andernfalls überzeugt wären, ihre Freiheit, Privatsphäre und Menschlichkeit – selbstredend auf dem leeren Versprechen der „Sicherheit“ gebaut – zu opfern. 

RoboCop: Maschine auf Maschine

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ROBOCOP Eine Symphonie der Brumm-Brumm-Gewalt – Alex Murphy.

Des Unternehmens Roboter-Gesetzeshüter werden als die neueste Entwicklung in der Drohnen-Technologie angekündigt, obwohl sie sich fast so untauglich wie die vorliegenden unbemannten militärischen Aufklärungs-Automaten erweisen. Ein Kind mit einem Messer geht dabei in Stücke gerissen. Was wir brauchen, sagt der Marketing-Senkrechtstarter Tom Pope (Jay Baruchel) – „Das ist das Ende“, 2013, – zum Firmenboss Raymond Sellars (Michael Keaton) – „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“, 2014, – einem Typen mit dem sich die Öffentlichkeit identifizieren kann, vor der Hohen-Tiere-Video-Lagebesprechung von massiv verstümmelten US-Veteranen, bevor sie sich auf den unzerstörbaren Detroit-Cop Alex Murphy (Joel Kinnaman) – „Knight of Cups“, 2015, – stürzen, den wir gerade sehen als er von Gangstern in der Garagenzufahrt seiner Familie durch eine Autobombe in die Luft und in Fleischbällchen fliegt. 

Der böse „OmniCorp“-Konzern – der Roboter-Polizisten anfertigt – schenkt ihm eine neue mechanische Körperform und einen gigantischen Schub an Bekanntheitsgrad, in der Hoffnung das Androiden-Programm in Richtung der Bevölkerung zu lenken und allen zugänglich zu machen.

Heavy-Metal-Gerüst: RoboCop

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ROBOCOP Dr. Dennett Norton (Gary Oldman, r) baut Alex Murphy in eine Apparatur um, die das Verbrechen auf der Straße ausbremsen soll.

Dr. Dennett Norton (Gary Oldman) – „Planet der Affen: Revolution“, 2014, – macht sich an die Arbeit, trennt Murphys Kopf und lebenswichtige Organe aus seinem Körper und gestaltet eine Blechschale aus dem, was von der äußeren Erscheinung des Rumpfes übrig bleibt. Obwohl wir freilich nicht wissen, ob Murphy noch essen kann oder noch fruchtbar ist. Immerhin hat es seinen unteren Torso weggeblasen. In „RoboCop“ scheint nichts einfacher zu sein, als die öffentliche Meinung zu schaukeln. Verpasse den Menschen einen emotionalen Haken und ein paar wohlklingende plausible Beweisgründe und rechne mit deren ohnmächtiger Aufmerksamkeit, um den Rest zu erledigen. 

Das erste, was das Publikum vermisst, ist die zentrale Sequenz von Verhoevens Original, in der Murphy (Peter Weller) – „Stark Trek: Into Darkness“, 2013, – sadistisch ermordet und dann in einer Reihe von Bewusstlosigkeiten (aus seinem Blickwinkel gesehen) wieder zum Leben erwacht – Aufnahmen von Ärzten und Wissenschaftern – die sein Helmvisier anpassen und ihn ein- und ausschalten. Die Grausamkeit des Tötens und die quasi-religiöse Wiederauferstehung sind umwerfend effektiv.

Voll im Visier: Roboter oder Mensch?

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ROBOCOP Alex Murphy tritt gegen Maschinen an, um herauszufinden, wer mehr Treffer landet.

Regisseur José Padilha („Elite Squad 2 – Im Sumpf der Korruption“, 2010) bringt nicht viel her von der Resurrektion, es ist für ihn eher ein Tatbestand. Der erste Murphy hat unzureichende Erinnerungen an sein früheres Leben, wohingegen des Remakes sentimentaler Kern Murphys dauerhafte Beziehung zu seiner Frau Clara (Abbie Cornish) – „7 Psychos“, 2012, – und dessen Sohn David (John Paul Ruttan) – „Das gibt Ärger“, 2012, – ist. Um ihn auf dem Schlachtfeld wirksamer zu fabrizieren, muss Dr. Norton mehr und mehr seine Gehirnzellen abtöten, die seine menschlichen Gefühle und Erinnerungen steuern.

Was niemand erwartet, ist, wenn wir es pervers formulieren, dass die Emotionen trotzdem durchbluten und in einem Effekt seine eigenen Nervenbahnen kreieren. Offensichtlich ist Murphy ein anti-plangesteuerter Anwärter, der zur Tat schreitet, um das korrupte Polizeisystem (das nun die Gesetzgebung ist) auszuhebeln und die Menschheit zu retten – weit entfernt von der Vorlage des um sich greifenden Nihilismus. Was nebenbei auffällt, der Blechmann-Streifen hat nicht viel emotionale Muskelkraft. Die Schurken sind nicht so mit Hass erfüllt – sie haben keine Gestalt – und kein alarmierendes rot-verdientes Vorstrafenregister.

Name: RoboCop. Auftrag: Töten!

Robocop
ROBOCOP Alex Murphy scannt Übeltäter. Seine Art Positronengehirn prophezeit ihm voraus, wer gut oder böse ist.

Und Joel Kinnaman ist wahrscheinlich zu subtil als Schauspieler – sein Gesicht scannt dasselbe als er roboterhaft und menschlich ist. José Padilha, ein Brasilianer, schaffte eine der kraftvollsten Dokumentationen, die man je gesehen hat, nämlich „Ônibus 174“, 2002, eine echte Tragödie, die die Brutalität der Polizei verabscheut. In „RoboCop“ verleiht er Murphys-Untersuchung seiner eigenen Ermordung nicht genügend Gewicht. Es ist zu einfach für Murphy auf die Überwachungsvideos zuzugreifen, um die Übeltäter festzunageln. Es gibt keine Detektivarbeit. 

Was er und Drehbuchautor Joshua Ketumer hervorragend umsetzen, ist das Denken an der Spitze bei „OmniCorp“ zu kartografieren. Michael Keaton gibt den Generaldirektor ehrgeizig, auch manisch, um seine Taten auf die Spitze zu treiben – er ist wie der Kopf eines Puppentheaters. Seine Kleidung ist ordentlich und lässig, seine Art ist ansprechbar und engagiert – und – weil er nicht wie ein Bösewicht aussieht. Liz Kline aka Jennifer Ehle, „Zero Dark Thirty“, 2012, ist ebenso smart als seine Top-Beraterin. Sie scheint oft am Rande gegen seine Methoden Einspruch zu erheben, aber dann geht sie mit Bereitwilligkeit einher.

Im Namen von „OmniCorp“

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ROBOCOP Dr. Dennett Norton (v. l.), Tom Pope (Jay Baruchel), Raymond Sellars (Michael Keaton) und Liz Kline (Jennifer Ehle) stellen das Unternehmen der Zukunft dar.

Jay Baruchel spielt den Marketing-Mann zu weitgehend, mit etwas Stil von der Yuppie-Krätze (Justin Long) aus „Stirb langsam 4.0“, 2007. Aber seine Grundsätze sind artig. Wenn es eine Sache in Hollywood gibt, die die Menschen verstehen, ist es Handel treiben. Und Samuel L. Jacksons Pat Novak ist ein inspirierendes Beispiel an Fingerspitzengefühl. Er demonstriert die einfachen Absprachen zwischen Privatunternehmen und bundesstaatlichen Institutionen und die Wirksamkeit ihrer entgegenwirkenden liberalen Rhetorik. Gary Oldman verpasst „RoboCop“ die ärztliche Doppelmoral. Er schafft es den Copthriller teilweise in eine Charakterstudie zu verwandeln. Dr. Norton ist kribbelig, um seine Macht über das Gehirn Murphys für die Wissenschaft zu testen – und aufgeregt – um den Wahnsinn mit Anstand und Mitgefühl aus dem öffentlichen Feuer zu reißen. 

Maschinenmensch hat Gesetz im Griff

Robocop
ROBOCOP Drohnen-Befürworter Rick Mattox (Jackie Earle Haley, r.) spuckt auf Murphys Händedruck – noch.

„RoboCop“ ist eine größeninduzierte Funktionalität auf CGI-Basis für jederman. Es ist eine bewundernswerte Sache, wenn ein Film, der ein Publikum gefunden hat – und das – nur auf der Grundlage seines Konzeptes, sich dann aber herausstellt, dass der blecherne Abräumer kreativ und unwiderstehlich ist. Der Actioner ist auch gut anzusehen, wenn er die Balance der Zeiten abwägt. „RoboCop“ beschreibt die Menschheit unter dem Belagerungszustand und möchte uns glauben machen, dass ein rein unkaputtbares Gerät über unser Dasein schwebt. Es geht um die humane Natur und die Natur der Maschine innerhalb einer Seele, mit dem implizierten Leitbild, dass dieser Kampf die weltweite Schlacht darstellt. Das ist echt zum Schießen! Und hat Action ohne Ende …

RoboCop; OT: RopoCop, USA 2015; Länge: 117 Min.; Regie: José Padilha; Darsteller: Joel Kinnaman, Gary Oldman, Michael Keaton, Abbie Cornish, Jackie Earle Haley, Michael K. Williams; Drehbuch: Joshua Zetumer, Nick Schenk; Kamera: Lula Carvalho; Musik: John Ottman; Produktion: Marc Abraham, Eric Newman; Schnitt: Peter McNulty, Daniel Rezende; Genre: Action-Sci-Fi-Thriller; FSK: ab 12; Verleih: Studio Canal; auf DVD

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